Genderneutral und kindgerecht – Ausmalbücher lektorieren

Case Study

Meist korrigiere oder lektoriere ich Unternehmensbroschüren, Websitetexte oder technische Dokumentation. Also Texte für die Großen. Kürzlich erreichte mich jedoch eine etwas andere Anfrage: Ausmalbücher! Ja, tatsächlich. Und zwar mit erstaunlich viel Text. Die Bücher sollen Kindern wichtige Themen wie Umwelt- und Klimaschutz sowie erneuerbare Energien mit Experimenten, informativen Texten und eben Ausmalbildern näherbringen.

Etwas angestaubt
Mein Kunde, eine Werbeagentur, war von einem Energieunternehmen mit der Aufbereitung und Aktualisierung der Ausmalbücher beauftragt worden. Die Vorlagen stammten noch aus früheren Jahren. Und das damit nicht das Jahr 2017 oder so gemeint war, sah man sowohl an den Zeichnungen als auch am Text. Ich fühlte mich ein wenig in meine eigene Kindheit in den Achtzigern zurückversetzt. Die Werbeagentur hatte zwar bereits begonnen, die Texte zu modernisieren, stellte aber schnell fest, dass sie vielleicht doch etwas Hilfe von außen brauchen würde. So kam das Ganze schließlich zu mir.

Gendern
Seitens des Endkunden war eine genderneutrale Sprache gewünscht, die u. a. mit dem Gendersternchen umgesetzt werden sollte. Angesichts der Zielgruppe, die ich nach Rücksprache mit dem Kunden auf ältere Kindergartenkinder und Grundschüler einengen konnte, eine gewagte Wahl. Die Probe aufs Exempel machte ich direkt mit meinem 12-jährigen Sohn. „Was soll das ‚in‘?“ zeigte mir schnell, dass ich versuchen sollte, das Gendersternchen weitestgehend zu vermeiden. Mein Sohn war immerhin schon ein paar Jahre älter als die Zielgruppe und konnte dennoch nichts damit anfangen. Mit „Spielleitung“ anstelle von „Schiedsrichter*in“ oder „Wir retten das Klima und dann die Welt“ anstelle von „Erst Klimaretter*in, dann Weltretter*in“ ist mir das an vielen Stellen, wie ich glaube, ganz gut gelungen.

Verständlichkeit
Für die Verständlichkeit spielten die Zielgruppe und das spürbare Alter des Manuskripts eine wesentliche Rolle. Der persönliche Kontakt mit der Zielgruppe war auch hier sehr hilfreich. So konnten nach einem kurzen Praxistest Wörter wie „Zierrat“ und „Funkauto“ getrost ersetzt und Anspielungen auf Filme von Heinz Rühmann komplett gestrichen werden (auch wenn ich viele davon sehr gern habe). Einige „barocke“ Redewendungen fielen dem Wunsch nach Verständlichkeit ebenfalls zum Opfer.

Schreibschrift
Ein völlig unerwartetes Problem tauchte in einem der Ausmalbücher auf. Dort kam an einigen Stellen Schreibschrift vor. Wenn Sie Kinder im Grundschulalter haben, kennen Sie das jetzt wahrscheinlich. Heute schreiben die Kinder nicht mehr die gleiche Schreibschrift wie wir damals. In den Achtziger Jahren habe ich die Lateinische Ausgangsschrift gelernt. Viele Schnörkel, sehr schön. Heute werden Sie kaum noch ein Kind finden, das diese Schrift beherrscht oder vernünftig lesen kann. Denn in vielen Bundesländern und Schulen wird mittlerweile meist die Vereinfachte Ausgangsschrift oder eine ähnlich moderne Schrift verwendet. Im Ausmalbuch kam noch eine Schwierigkeit hinzu. Die Schreibschrift war nicht einheitlich, sodass sich beispielsweise das große „S“ in verschiedenen Wörtern unterschied. Ob das am Ende von der Werbeagentur geändert wurde, weiß ich leider nicht. Vielleicht frage ich mal nach.

Das Ergebnis
In jedem Fall ein spannender und für mich ungewöhnlicher Auftrag. Meine Änderungsvorschläge sind aber anscheinend recht gut angekommen. Denn nur wenige Tage später kam ein Folgeauftrag. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

  • Zielgruppe: Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter
  • Anforderungen: gendergerechte Sprache, ggf. Gendersternchen, aktuelle Sprache
  • Besonderheiten: veraltete Sprache, veränderte Lebensrealität der Kinder, obsolete Schreibschrift



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