Revision nach DIN EN ISO 17100: das andere Übersetzungslektorat

Wissenswertes

Wer viel mit Industrie und Wirtschaft arbeitet wird schnell feststellen: Unter „Übersetzungslektorat“ verstehen längst nicht alle das Gleiche. Denn außerhalb der Verlagsbranche geht es bei „Übersetzungslektorat“, „zweisprachiger Prüfung“, „Vier-Augen-Korrektur“ und all den anderen kursierenden Bezeichnungen meist nicht um eine stilistische Verbesserung oder die Begleitung des Übersetzungsprozesses, ja, nicht einmal um ein „Lektorat“ in engerem Sinne. Gemeint ist dagegen oft eine sogenannte Revision.

Was ist Revision?


Die Revision hat ihren Ursprung in der Norm DIN EN ISO 17100, die die „Anforderungen an die Kernprozesse, Ressourcen und andere Aspekte fest[legt], die für die Bereitstellung einer qualitativ hochwertigen Übersetzungsdienstleistung erforderlich sind, die den anzuwendenden Spezifikationen entspricht.“*

Laut Norm wird bei der Revision ein zielsprachlicher Inhalt mit dem ausgangssprachlichen Inhalt verglichen** und auf Eignung für den vereinbarten Zweck (hierzu später mehr) überprüft. Dabei muss die Revision von einer zweiten Person durchgeführt werden, also nicht von derjenigen, welche die Übersetzung erstellt hat. Dieses „Vier-Augen-Prinzip“ wird seit Jahrzehnten von vielen Übersetzer*innen, oft in Form eines Tandems, praktiziert und ist somit nichts von Grund auf Neues.***

* Die Norm bezieht sich ausdrücklich nur auf schriftliche Übersetzungen, die von einem Menschen angefertigt wurden, nicht auf Dolmetschleistungen oder die Verwendung von Rohdaten einer maschinellen Übersetzung und deren Nachbearbeitung (Post-Editing). Siehe zu Letzterem stattdessen die DIN EN ISO 18587 sowie den Artikel „Post-Editing von maschinellen Übersetzungen – eine Aufgabe für Lektor*innen?“ von Monika Elsler in diesem Buch.

** Die Revision bezieht sich ausdrücklich auf eine Prüfung zwischen Ziel- und Ausgangssprache. Eine einsprachige Prüfung nur der Zielsprache, d. h. ohne Vergleich mit dem ausgangssprachlichen Text, kann daher keine Revision im Sinne der Norm sein.

*** Auch die DIN EN 15038, die Vorgängerversion der DIN EN ISO 17100, kennt dieses Verfahren bereits, bezeichnet es allerdings als „Korrekturlesen“. Unter anderem dadurch kommt es gelegentlich zu Verwechslungen zwischen Revision und der Prüfung der Übersetzung durch den Übersetzenden selbst (im Sprachgebrauch der aktuellen Norm: die Kontrolle). Diese geht der Revision allerdings zwingend voraus.


Was wird bei der Revision geprüft?


Doch was konkret beinhaltet eine Revision? Der Normtext ist hier nicht sehr aufschlussreich. Dort heißt es, dass auf „jegliche Fehler und andere Probleme sowie auf [die] Zweckentsprechung“ zwischen zielsprachlichem und ausgangssprachlichem Inhalt geprüft werden soll. Welche Zwecke das aber sind und was (neben offensichtlich falscher Rechtschreibung usw.) überhaupt als „Fehler“ gilt, soll mit den jeweiligen Kund*innen vereinbart werden. Vorgegeben ist lediglich ein Mindestprüfumfang (Terminologie, ggf. Referenzen und Vorgaben, Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung).

Somit kann eine Revision von einer einfachen Prüfung, die viele aus dem Lektoratsbereich in einer einsprachigen Situation oft als „Korrektorat“ betrachten würden, bis hin zu einer umfassenden Prüfung hunderter Kriterien (auch mit stilistischer Überarbeitung) reichen. Was jeweils zu prüfen ist, entscheiden die Kund*innen. Nur so ist sicher, was in der Revision berücksichtigt werden muss und ob die gewünschte Qualität, d. h. hier die Erfüllung der Anforderungen, erreicht wurde. Andernfalls läuft die revidierende Person Gefahr, „relevante“ Fehler zu übersehen, oder es kommt – das andere Extrem – gar zu einer Hyperrevision, bei der Änderungen die Qualität nicht weiter verbessern und damit unnötig sind. Im schlimmsten Fall erfüllt die Übersetzung nicht ihren Zweck. Ohne das Gespräch bzw. die Klärung mit den Kund*innen ist eine erfolgreiche Revision unmöglich.

Wer kann Revisor*in sein?


Doch wer kann oder „darf“ eine Revision überhaupt ausführen? Die Norm spricht hier von einem „Revisor“, der folgende Eigenschaften haben muss:

Nicht die Übersetzenden selbst

Wie bereits erwähnt, darf die Revision nicht vor der Person ausgeführt werden, die auch die Übersetzung angefertigt hat. Der Gedanke dabei: Eigene Fehler erkennt man oft nur schwer. Und viele von uns werden wissen: Dies betrifft nicht nur einfache Rechtschreib- oder Zeichensetzungsfehler, sondern auch teilweise zentrale Verständnisfragen. Ein Blick von außen ist hier hilfreich.

Qualifikation

Bei der Qualifikation fordert die Norm von den Revisor*innen das, was sie auch von Übersetzer*innen fordert:
Hochschulabschluss auf dem Gebiet des Übersetzens oder
Hochschulabschluss auf einem anderen Gebiet sowie zwei Jahre Berufserfahrung im Übersetzen in Vollzeit oder
fünf Jahre Berufserfahrung im Übersetzen in Vollzeit

In der Praxis übernimmt daher normalerweise ebenfalls ein*e Übersetzer*in die Revision.

Kompetenzen

Auch bei den Kompetenzen orientiert sich die Norm für Revisor*innen an den Vorgaben für den Übersetzungspart. So muss auch die für die Revision eingesetzte Person über übersetzerische Kompetenz, sprachliche und textliche Kompetenz in der Ausgangs- und Zielsprache, Recherche- und Informationsverarbeitungskompetenz, kulturelle Kompetenz und technische Kompetenz (z. B. im Umgang mit CAT-Tools, inkl. Kenntnisse ihrer Grenzen) verfügen. Hinzu kommt Übersetzungs- und/oder Revisionskompetenz im Sachgebiet.

Sie sehen: Alle „reinen“ Lektor*innen fallen bei diesen Anforderungen leider bereits durchs Raster und können, zumindest wenn es nach der Norm geht, nur im Einzelfall zur Revision eingesetzt werden.

Probleme in der Praxis


In der Praxis stellen sich allerdings, wenn man normgerecht arbeiten möchte, bei der Revision gleiche mehrere Probleme, die die Sinnhaftigkeit der Prüfung selbst, aber vor allem die beteiligten Menschen betreffen:

Muss die Revision immer sein?


Egal, ob Einladung zum gemütlichen Grillabend oder Gebrauchsanweisung für eine Herz-Lungen-Maschine: Die Norm schreibt die Revision verpflichtend vor. Auch ob die Kund*innen einen druckfertigen Text für eine Hochglanzbroschüre benötigen oder nur eine Rohübersetzung zur eigenen Weiterverarbeitung, spielt für die Norm keine Rolle. Als nicht optionaler Teilprozess kann sie nicht einfach unterbleiben.

Dabei ist die Revision ein erheblicher Kosten- und Zeitfaktor****. Die Revision kann erst nach Abschluss der Übersetzung erfolgen und zieht so die Lieferzeiten in die Länge. Zudem müssen die Kosten für die Revision ebenfalls einkalkuliert werden. Um beides zu vermeiden, wird daher oftmals einzelvertraglich auf die Revision verzichtet. Die normseitige Revisionspflicht wird so umgangen.

Wenn das aber so ist, wieso muss die Revision dann überhaupt verpflichtend sein? So fordern mittlerweile einige Stimmen, etwa Wolfram Baur und Christopher Kurz, Mitglieder des für die DIN EN ISO 17100 zuständigen DIN-Arbeitsausschusses, den verpflichtenden Status der Revision aufzuheben (und auf eine Stufe mit anderen, optionalen Prüfungen zu stellen, die die Norm ebenfalls vorsieht). Sie schlagen vor, die Durchführung der Revision von dem Risiko abhängig zu machen, das von Fehlern bzw. einer unzureichenden Qualität im jeweiligen Projekt ausgeht.

**** Aus Zeit- und Kostengründen wird mitunter auch auf eine vollständige Revision der Übersetzung verzichtet. Eine stichprobenweise Revision sieht die Norm jedoch nicht vor.


Wertschätzung und Pflichtbewusstsein


Auf menschlicher Seite nicht zu vernachlässigen ist zudem, dass sich die Norm als Qualitätssicherungsnorm versteht. Wenn eine solche Norm nun die Prüfung durch eine weitere Person vorschreibt, bedeutet das dann im Umkehrschluss, dass jede Übersetzung ohne diese Vier-Augen-Prüfung von schlechter Qualität ist? Selbstverständlich nicht. Allerdings ist dies die Botschaft, die bei einigen Übersetzer*innen, die seit Jahrzehnten erfolgreich mit ihren Kund*innen arbeiten, ankommt: eine Abwertung ihrer Arbeit. Andersherum führt das Wissen, dass auf die Übersetzung ohnehin eine Revision folgt, bei manchen Übersetzer*innen zur irrigen Annahme, sie kämen ohne Kontrolle der eigenen Übersetzung aus, was dazu führt, dass auch leicht zu findende Fehler bei Rechtschreibung und Zeichensetzung oftmals der Revision überlassen werden. Dieser fehlt dann jedoch die Zeit für das Auffinden der „relevanten“ Fehler, die so unentdeckt bleiben.

Unzureichende Kompetenz und Qualifikation


Wie geschildert, gelten für Übersetzung und Revision die gleichen Kompetenzen und Qualifikationen, zzgl. Übersetzungs- und/oder Revisionskompetenz im Sachgebiet auf Revisionsseite. Gerade bei Übersetzungsagenturen sind es allerdings oftmals die Mitarbeitenden aus dem Projektmanagement oder noch relativ unerfahrene und damit oft „kostengünstige“ Übersetzer*innen, welche die Revision durchführen. Zwar verfügen beide Gruppen häufig über eine ausreichende förmliche Qualifikation, meist jedoch nicht über eine ausreichende Übersetzungs- und/oder Revisionskompetenz im Sachgebiet. Ist die Projektmanagerin wirklich in der Übersetzung von Robotik-Themen bewandert, hatte ihr Kollege ausreichend Gelegenheit, sich Revisionskompetenz bei Jahresabschlüssen anzueignen? So wird die Revision oftmals von Personen durchgeführt, die im Sachgebiet deutlich weniger erfahren sind als die Person, die die Übersetzung angefertigt hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass Fehler übersehen werden oder neue Fehler hinzukommen, steigt so deutlich.

Kommunikation und Feedback


Doch selbst bei ausreichend qualifizierten und erfahrenen Revisor*innen und ordnungsgemäßer Durchführung bleibt die Frage: Wer entscheidet letztlich, ob eine Änderung aus der Revision übernommen wird? So werden oftmals stundenlang recherchierte Übersetzungen in der Revision verändert, weil der prüfenden Person die Gründe für eine bestimmte Übersetzungsentscheidung nicht bekannt sind oder mitgeteilt wurden. Für die Revision steht jedoch, verglichen mit der Übersetzung, meist nur ein Bruchteil der Zeit und des Budgets zur Verfügung, sodass eine gleichwertige Einarbeitung in Text und Thema unmöglich ist. Hier wäre eine intensive Kommunikation zwischen Übersetzung und Revision nötig. In der Praxis fehlt diese jedoch meist ganz oder ist nur rudimentär vorhanden, insbesondere in der Konstellation mit Übersetzungsagenturen. Um Fehler zu vermeiden, müsste daher die Zuständigkeit für die Freigabe der in der Revision gemachten Änderungen unbedingt bei den Übersetzer*innen liegen.

Dies würde auch gleich ein weiteres Problem beheben. Denn oft fehlt generell das Feedback. Wie kann die Übersetzung bei einem Folgeauftrag besser werden, wenn in der Revision gemachte Änderungen für die Übersetzenden unsichtbar bleiben? Die Folge sind wiederholte Korrekturen der gleichen Fehler und dadurch Mehrarbeit.

Erfolgreiche Revision


Was braucht es nun, damit eine Revision erfolgreich ist? Anhand der Anforderungen der Norm, aber auch der geschilderten Probleme in der Praxis lassen sich folgende Voraussetzungen nennen bzw. ableiten:

Die Revision wird nicht von der Person durchgeführt, die bereits die Übersetzung erstellt hat. Die revidierende Person ist ausreichend qualifiziert und verfügt über die nötigen Kompetenzen. Insbesondere Revisionserfahrung im Sachgebiet muss ausreichend vorhanden sein.

Mit den Kund*innen wurden zu prüfende Punkte und Fehlerkriterien geklärt. Der Zweck des Texts ist allen Beteiligten klar.

Die Übersetzung wurde zuvor ordnungsgemäß durch die Übersetzer*innen kontrolliert. Für die Revision steht ausreichend Zeit zur Verfügung, um den Text vollständig prüfen und alle relevanten Fehler finden zu können (auch für Rückfragen). Die Beteiligten an Revision und Übersetzung können miteinander kommunizieren. Vorgenommene Änderungen werden an die Übersetzung zurückgemeldet.

Was Sie mit all dem zu tun haben


Im Mittelpunkt der DIN EN ISO 17100 und damit der Revision steht die Qualität. Daher wird das Arbeiten nach dieser Norm von einem großen Teil der für Industrie und Wirtschaft tätigen Übersetzungsbranche mittlerweile als Qualitätsmerkmal beworben. Zahlreiche Übersetzungsunternehmen, Sprachendienste usw. haben sich nach der Norm zertifizieren***** lassen oder sich verpflichtet, die Anforderungen der Norm zu beachten.

***** Anstelle der Zertifizierung ist auch eine Registrierung möglich. Diese ist allerdings als Eigenverpflichtung zu verstehen. Die Einhaltung der Normanforderungen wird bei der Registrierung nicht durch externe Audits geprüft.


Gleichzeitig ist auch die Nachfrage nach normgerecht erstellten Übersetzungen in Industrie und Wirtschaft in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Viele Unternehmen „lieben“ Normen. Sie sind es gewohnt, nach Normen zu arbeiten und erwarten dies auch von ihren Zulieferern. Sie erhoffen sich dadurch eine höhere Qualität oder versuchen auf diese Weise, internen Richtlinien gerecht zu werden.

Da Revision ein obligatorischer Prozessschritt im Rahmen der Norm und einer ihrer zentralen Bestandteile ist, steigt auch die Nachfrage nach dieser Leistung weiter. So ergibt sich ein potenzielles Geschäftsfeld für entsprechend kompetente Übersetzer*innen und Lektor*innen, die hierfür nicht nach der Norm zertifiziert sein müssen. Ja, sie müssen noch nicht einmal wissen, dass das jeweilige Projekt gemäß Norm bearbeitet werden soll. So kann es durchaus sein, dass auch Sie schon einmal eine Revision nach DIN EN ISO 17100 übernommen haben.

Und vielleicht hat es Ihnen sogar Spaß gemacht und war lukrativ. Möglicherweise ein Bereich, den Sie bei Ihrer Unternehmensstrategie im Auge behalten sollten.
Lektorat: Monika Elsler

Hinweis: Dieser von mir verfasste Artikel ist erstmalig erschienen in: VFLL (Hrsg.) (2023): „Handbuch Übersetzungslektorat“. BDÜ Weiterbildungs- und Fachverlagsgesellschaft mbH, Berlin. S. 118–124.



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